Ein hal­bes Jahr­hun­dert deutsch-fran­zö­si­sche Freund­schaft

Foto: Blick auf das Präsidium

© Bundesrat | 2013

Die deutsch-französische Freundschaft ist in den letzten 50 Jahren auf einzigartige Weise gewachsen. Die Grundlage für dieses ganz besondere Verhältnis bildet der Élysée-Vertrag, den Konrad Adenauer und Charles de Gaulle vor einem halben Jahrhundert in Paris unterzeichneten. Der Bundesrat beging dieses besondere Jubiläum am 22. Januar 2013 mit einem großen deutsch-französischen Festakt im Plenarsaal der Länderkammer.

Um die Besonderheit des Tages passend zu würdigen, hatte Bundesratspräsident Winfried Kretschmann Senatspräsident Jean-Pierre Bel und Mitglieder des französischen Senats eingeladen. Diese teilten sich – anders als protokollarisch sonst üblich – die Plätze in den 16 Länderbänken mit ihren deutschen Bundesratskollegen, was die tiefe Verbundenheit beider Häuser zusätzlich unterstreichen sollte.

Neben dem Präsidenten des Europäischen Parlaments, Martin Schulz, den Mitgliedern der Freundschaftsgruppen von Bundesrat und Senat sowie EU-Kommissar Günther Oettinger nahmen auch Schüler des deutsch-französischen Gymnasiums Freiburg an der Sitzung teil.

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Eine Besonderheit in der internationalen Staatenwelt

Foto: Blick ins Plenum

Sondersitzung "50 Jahre Élysée-Vertrag"

© Bundesrat| Henning Schacht | 2013

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Präsident Kretschmann eröffnete den Festakt und betonte, dass der Élysée-Vertrag eine unvergessene historische Leistung ist, die nach den schrecklichen Ereignissen des Zweiten Weltkrieges zwischen dem deutschen und dem französischen Volk kaum jemand für möglich gehalten hätte. Insbesondere die durch das Abkommen vereinbarten regelmäßigen Konsultationen auf höchster politischer und parlamentarischer Ebene, die zu Routine und Normalfall geworden seien, bildeten eine Besonderheit in der internationalen Staatenwelt.

"Ja, es ist nicht zu viel gesagt: Wir sind echte Freunde geworden!" hob Kretschmann in seiner Rede hervor. Die Erwartungen an dieses besondere Paar als zugkräftige Motoren in Europa, von denen auch künftig wichtige Impulse und Entwicklungen ausgehen müssten, seien deshalb zu Recht sehr hoch.

Die im Plenarsaal anwesenden Schüler des deutsch-französischen Gymnasiums Freiburg forderte der Präsident auf, das weitere Zusammenwachsen der europäischen Völker und Nationen aktiv mitzugestalten. Er sei überzeugt, dass es die Jugend nicht zulassen werde, dass das Rad der Geschichte in Europa jemals wieder zurückgedreht wird.

Aussöhnung war die Grundlage des europäischen Aufbauwerks

Foto: Jean-Pierre Bel während seiner Rede

Jean-Pierre Bel während seiner Rede

© Bundesrat | Henning Schacht | 2013

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Der französische Senatspräsident Jean-Pierre Bel wies in seiner Ansprache darauf hin, dass heute die beiden Visionäre Konrad Adenauer und Charles de Gaulle zu feiern sind, deren Weg der Aussöhnung die Grundlage des europäischen Aufbauwerks darstellt. Ohne diese Aussöhnung wäre auch die Europäische Union nicht, was sie heute ist.

Bel verwies auch darauf, dass das Herzstück der deutsch-französischen Freundschaft aus seiner Sicht die gemeinsame Kultur ist, wie sie sich zum Beispiel im Fernsehsender ARTE symbolisiert. Zugleich sprach er sich für eine Ausweitung der Zusammenarbeit zwischen Bundesrat und französischem Senat aus.

Enge Beziehung für weitere Mitglieder öffnen

In seiner teils auf deutsch, teils auf französisch gehaltenen Festrede bezeichnete EU-Parlamentspräsident Schulz den 22. Januar 1963 als den Tag, an dem die vertiefte deutsch-französische Freundschaft begann. Mit der Unterzeichnung des Élysée-Vertrags sei die Aussöhnung besiegelt und die Erbfeindschaft beendet gewesen. Die Spirale zwischen Krieg, Sieg, Niederlage und Revanche sei endlich unterbrochen worden. Ohne diese Aussöhnung hätte Europa nicht wachsen können.

Foto: Martin Schulz während seiner Rede

Martin Schulz in der Sondersitzung "50 Jahre Élysée-Vertrag"

© Bundesrat | Henning Schacht | 2013

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Der Vertrag sei einer der entscheidenden Schritte zum dauerhaften Frieden in Europa gewesen. "Er war die in Worte gefasste Hoffnung, dass Frieden möglich ist", so der Parlamentspräsident. Mit Blick in die Zukunft sagte Schulz, dass er sich die Aufnahme weiterer Mitglieder – zum Beispiel Polen – in die besonders enge Beziehung beider Länder wünscht.

Ein riesiges Stück vorangekommen

Die Vorsitzende der Deutsch-Französischen Freundschaftsgruppe, Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (Nordrhein-Westfalen), brachte ihre Freude über das bisher Erreichte zum Ausdruck. Sie sei besonders dankbar, dass Frankreich Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg die Hand zur Versöhnung gereicht habe. Die beiden Länder seien in der Vergangenheit ein riesiges Stück vorangekommen. Man stehe heute Seite an Seite.

Trotzdem bestehe kein Grund, sich selbstzufrieden zurückzulehnen. Beide Länder müssten auch zukünftig auf allen Ebenen an weiteren Verbesserungen arbeiten. Einen Beitrag hierzu leiste auch die Deutsch Französische Freundschaftsgruppe zwischen Bundesrat und französischem Senat. Sie wolle sich als Vorsitzende der deutschen Gruppe der Aufgabe annehmen, die guten Beziehungen beider Länder nicht als selbstverständlich anzusehen. Vielmehr sei an dieser wunderbaren Freundschaft weiter zu arbeiten.

Jahrhundertvertrag

Foto: Urschrift des Vertrags über die deutsch-französische Zusammenarbeit (Elysee-Vertrag) vom 22. Januar 1963

Urschrift des Vertrags über die deutsch-französische Zusammenarbeit (Elysee-Vertrag) vom 22. Januar 1963

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Der Vertrag über die deutsch-französische Zusammenarbeit - kurz Élysée-Vertrag - wurde am 22. Januar 1963 von Staatspräsident Charles de Gaulle und Bundeskanzler Konrad Adenauer im Pariser Élysée-Palast unterzeichnet.

Er gilt als Meilenstein in der deutsch-französischen Verständigungspolitik nach dem Zweiten Weltkrieg und wird noch heute allgemein als Jahrhundertvertrag bezeichnet. Nach schrecklichen Kriegen und einer unversöhnlichen Konkurrenz, die sogar als Erbfeindschaft bezeichnet wurde, begründete der Vertrag die heutige intensive deutsch-französische Freundschaft.

Ihm gingen wichtige Schritte voraus, wie zum Beispiel die Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (1951) und die Saarverträge, die 1956 zu einer einvernehmlichen Lösung über den Verbleib des Saarlandes führten.

Regelmäßige Konsultationen

Der Vertrag verpflichtet beide Länder unter anderem zu regelmäßigen Konsultationen in allen wesentlichen Fragen der Sicherheits-, Außen-, Jugend- und Kulturpolitik. Gerade im kulturellen Bereich, der in Deutschland in die Verantwortung der Länder fällt, hat das Abkommen die Grundlage dafür geschaffen, dass Deutschland und Frankreich bedeutende gemeinsame Institutionen gebildet haben.

Hierzu gehören zum Beispiel ARTE, das Deutsch-Französische Jugendwerk oder die Deutsch-Französische Hochschule. Darüber hinaus sind zahlreiche Partnerschaften auf kommunaler und regionaler Ebene entstanden; jedes Bundesland hat eine Partnerregion in Frankreich, wie zum Beispiel Hessen mit Aquitaine und Nordrhein-Westfalen mit Poitou-Charente.

Stand 22.01.2013

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